Marokko 1995


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Reiseroute :

Ceuta - Martil - Volubilis - Moulay-Idriss - Meknes - Balcon d'Ito - Midelt - Er-Rachidia - Meski - Erfoud - Merzouga - Erg Chebbi - Taouz - Irara - Rissani - Tikkert-n-Ouchchane - Mecissi - Timerzif - Achbarou - Alnif - El-Arba - Tizi-n'Tafilalet - Tamegroute - Tagounite - Mhamid - Zagora - Draa - Azlag - Tansikht - Nekob - Imi-n'Kern - Nekob - Tizi-n'Tazazert - Djebel Saghro / Jbel Sarhro - Tagdilt - Boumalne du Dadès - Ait Youl - Ait Oudinar - Zaouia-Sidi-Moha-ou-Ayachi - Tilmi - Tizi-n-Ouano - Agoudal - Imilchil - Ouaourioud - Lac Tislit + Las Iseli - Tizi n'Isli - Tizi n' Ifar - Naour - Tizi n'Ait Ouirra - El Ksiba - Beni-Mellal - Ain-Asserdoun - Afourèr - Bin el-Ouidane - Azilal - Cascade Ouzoud - Tanannt - Demnate - Imi-n-Ifri - Sidi-Rahhal - Marrakech - Rabat - Ceuta


"Wie lange ich geschlafen hatte, erinnere ich mich nicht. Als ich erwachte, stand der Scheich der Oase dicht über mich gebeugt vor mir, die rauchende Mündung seiner langen Flinte war noch auf meine Brust gerichtet. Er hatte aber nicht, wie er wohl beabsichtigt hatte, mein Herz getroffen, sondern nur meinen linken Oberarm zerschmettert; im Begriff, mit der rechten die Pistole zu ergreifen, hieb mir der Scheich mit seinem Säbel meine rechte Hand auseinander. Von dem Augenblick sank ich auch schon durch das aus dem linken Arm in Strömen quellende Blut wie tot zusammen. Mein Diener rettete sich durch die Flucht. Als ich folgenden Morgen zu mir kam, fand ich mich allein, mit neun Wunden, denn auch noch, als ich schon bewußtlos dalag, mußten diese Unmenschen, um mich nach ihrer Meinung völlig zu töten, auf mich geschossen und eingehauen haben. Meine sämtlichen Sachen, mit Ausnahme der blutdurchtränkten Kleider, hatten sie mitgenommen. Obgleich das Wasser nicht weit von mir entfernt war, konnte ich es nicht erreichen, ich war zu entkräftet, um mich zu erheben, ich versuchte mich hinzurollen, alles vergebens, ich litt entsetzlich vom brennenden Durste."

Dieser Bericht von Gerhard Rohlfs, der als erster Europäer das sagenhafte Tafilalet bereist hat, kommt mir in den Sinn. Aber heute ist hier die Gefahr eines Überfalls nicht mehr allgegenwärtig. Und der Europäer muß sich auch nicht mehr verkleiden und als Moslem ausgeben. Die einst so unzugängliche Landschaft Tafilalet ist eine der Wiegen marokkanischer Geschichte. Hier nähern sich aus dem Hohen Atlas kommend Ziz und Rheris, zeitweise wasserführend lebensspendende Flüsse, die das Wasser bis weit in die Wüste hineintragen und sich wie ein grünes Band inmitten lebensfeindlicher Umwelt in die Sahara hineinziehen. Zwischen ihnen dehnen sich die Kulturflächen. Früher standen hier weit über einer halben Million Dattelpalmen. Im Schatten der Palmen gedeihen Orangen, Mandeln, Pfirsiche, Pflaumen, Granatäpfel, Feigen, Oliven, und andere Bäume und Sträucher. Unter denen werden noch Getreide, Hülsenfrüchte und Henna angebaut. Bewässerungsgräben durchziehen die Gärten. Von Sidjilmassah, der sagenhaften Hauptstadt des Tafilalet, ist jedoch nur noch wenig zu sehen. Dabei starteten aus dem Tafilalet noch in diesem Jahrhundert unzählige Karawanen zur Durchquerung der Sahara nach Timbuktu. Die ankommenden waren reich mit Gold, Elfenbein und Büchern beladen (Nach Abu Abdalla Mohammed Ibn Abdalla, bekannter unter dem Namen Ibn Battuta (1304-1377) hat der Umsatz an Büchern in Timbuktu den aller anderen Waren übertroffen.). Während die bedeutendste Universität des christlichen Abendlandes, Konstanz am Bodensee, im Mittelalter etwa 1000 geschriebene Bände besaß, konnten die Studenten in Timbuktu auf angeblich 400000 Bände aus den Bereichen islamisches Recht, Geographie, Astronomie, Chemie, Medizin und Mathematik zugreifen. Schon im Mittelalter wurde in Timbuktu dem Ursprung der Wörter nachgegangen, am Auge operiert und in der Mathematik die Ziffer Null erfunden. Die Wissenschaften bedeuteten den eigentlichen Reichtum der Stadt.

Die weißglühende Sonne versengt das Land. Ich bin froh, hinter Er-Rachidia, dem heutigen Hauptort des Tafilalet, mich in der "Blauen Quelle von Meski" erfrischen zu können: Badeurlaub in der Sahara! Da blinkt mitten in der Wüste zwischen Ksar es-Souq und Erfoud klares Wasser in einem großen Becken, das direkt von einer Quelle gespeist wird. Fremdenlegionäre haben die Quelle so eingefaßt. Hier konnten sie ihre verschwitzten Körper und die blutigen Hände im unschuldigen Wasser der Blauen Quelle reinigen.

Während ich weiter über die fast vegetationslose Ebene fahre, denke ich an Heinrich Barth, dem auf seiner Reise im letzten Jahrhundert noch das Brüllen der Löwen den nächtlichen Schlaf geraubt hat. In den älteren Felszeichnungen der Gegend findet man noch Giraffen, Nashörner und Elefanten. Erst die jüngeren zeigen Kamele und deuten auf Wüste hin. Wenn auch der Verwüstungsprozeß der Sahara zunächst auf natürliche Weise begonnen hat, unterstützt der Mensch dies heute nach allen Kräften. Während seine Ziegen die Vegetation völlig abfressen, wozu sie als Kletterkünstler auch photogen die Bäume bis zu ihren Wipfeln besteigen, naschen sozusagen die Kamele als instinktiv nachhaltige Nutzer der Wüste von jeder Pflanze nur ein bißchen im Vorübergehen.

Ich passiere mehrere kleine Oasen. Die Kinder winken den Vorbeifahrenden zu und fordern zum Anhalten auf, um Datteln oder aus Halfa-Gras gebastelte Kamele zu verkaufen oder um Stilo und Dirham zu erbetteln.

Vom Djebel Erfoud, nach der Militärstation auch Bordj Est genannt, sieht man im Osten und Westen über die endlosen Flächen der fast völlig vegetationslosen Hammada, aus der sich hier und da kegelförmige Hügel erheben. Wie feine Adern schlängeln sich die Pisten in die Unendlichkeit und verlieren sich am Horizont. Andere strahlen wie mit dem Lineal gezogen über die öde Hochebene. Im Süden, eingekeilt zwischen die Steinwüsten, breitet sich der riesige Garten der Tafilalet-Oasen aus, die hauptsächlich vom Oued Ziz bewässert werden. Nicht weit hinter Erfoud versandet der Fluß, sein Trockenbett (Wadi) dagegen führt noch weit nach Süden in die Wüste. Nur etwa ein Fünftel der Sahara besteht aus diesen photogenen, windgeformten Dünenmeeren der Ergs oder Edeien, die wohl von prähistorischen Flüssen in gigantischen Senken abgelagert wurden. Der größte Teil ist jedoch mit Kies, Stein und Felsen bedeckt. Serir oder Reg werden die kiesbedeckten Ebenen genannt, während mit Hammada die geröllübersäten Hochflächen bezeichnet werden. Und dann gibt es noch die Gebirge wie Hoggar, Air, Tibesti und Saghro mit steilen Felswänden, gewaltigen Bergkegeln und tiefen Schluchten, in denen einige tausendjährige Bäume aus weniger trockener Vorzeit überlebt haben. Obwohl Sand oder Sandboden außerordentlich trocken erscheint, ist Sand ein vorzüglicher Wasserspeicher. Niedergehender Regen läuft nämlich nicht sturzbachartig auf der Oberfläche weg, sondern wird wie von einem Schwamm aufgesogen. Nach dem Abtrocknen einer nur dünnen Sandschicht verbleibt das aufgenommene Wasser in der Tiefe, denn die großen Poren des Sandgefüges verhindern ein kapillares Aufsteigen des Wassers und damit auch das Verdunsten an der Oberfläche. Die riesigen Dünen sind also erstaunliche Wasserspeicher. An den Dünenrändern und in den Tälern ist Bewuchs zu finden und sind Brunnen gegraben worden. Dies ist auch der Grund, weshalb die Sahara in Europa für ein reines Sandmeer gehalten wird. Die frühen Reisenden waren auf diese Wasserstellen angewiesen und daher führten die traditionellen Karawanenwege an den Sanddünen entlang.

Eine alte Legende berichtet, daß die Dünen des Erg Chebbi auf grund eines bösen Fluches wegen des Lebenswandels der Bewohner entstanden sind. Heute hat sich der Fluch auf wundersame Weise in Segen verwandelt: Die überwältigende Schönheit der Sanddünen zieht die Touristen von weit her an, und geschäftstüchtig haben einige Einheimische am Rande der Dünen ein Cafe im tradtionellen Stil errichtet, in dem ich nun sitze und in der angenehm schattigen Kühle obligatorischen Tee schlürfe. Plötzlich kommt Leben in die Räume: Alle Fenserläden werden eilig geschlossen und mit Kissen und Säcken abgedichtet. Was für die Einheimischen Alltag und überaus lästige Erscheinung ist, bedeutet für mich Wüstenerlebnis. Ich trete hinaus und stelle fest, daß der Sandsturm zu schnell hereingebrochen ist, um seine Ankunft noch photographieren zu können. Die Sichtweite beträgt nur noch wenige Meter, wie Nebel bei uns zu Hause. Orientierung scheint nicht mehr möglich. Und die Hitze ist noch drückender als sonst. Im Windschatten des Cafes sitzend lasse ich das Geschehen auf mich wirken, und nach einiger Zeit legt sich das Unwetter so schnell wie es gekommen ist.

Langsam ändert sich das Landschaftsbild. Wieder beginnt die Ebene, Serir. Über den weiten Flächen tanzen Luftspiegelungen, Fata Morgana genannt. Es sieht so aus, als läge vor mir ein See. Man glaubt sogar, den Wellenschlag darauf zu erkennen. Beim Näherkommen werden die Seen kleiner und kleiner. Schließlich lösen sie sich ganz in ein paar Tümpeln auf, die im Sonnenglanz flimmern, dann ist der ganze Spuk verschwunden. Die Araber nennen diese Erscheinung auch Bahr esh-Sheitan, Meer des Teufels und im Koran werden sie den Ungläubigen auf ihrem Lebensweg verheißen. Durch die starke Erhitzung des Gesteins und der Wüstenflächen bildet sich eine heiße dünne Luftschicht über dem Boden. Die darüber liegende Luftschicht ist wesentlich kühler, da die Luft selbst ja praktisch keine Sonneneinstrahlung absorbiert. Aufgrund der unterschiedlichen optischen Eigenschaften der Luftschichten ähnelt dies der Spiegelung einer Wasseroberfläche.

In der Nähe gibt es noch sehr urtümliche Bewässerungsanlagen, die sogenannten Foggaras. Lange schnurgerade Reihen von tiefen Löchern deuten auf die unterirdisch angelegten Bewässerungskanäle, gebaut bis zu wasserführenden Schichten in Gebiete, die von der Oase weit entfernt sind. Die von oben sichtbaren Löcher dienten zur Wartung und Reinigung der Kanäle. Leider verfallen diese raffinierten Bewässerungsanlagen zunehmend, da der Unterhalt doch mit sehr viel Arbeit verbunden ist und auch, weil dem althergebrachten immer das Manko des Altmodischen, Überholten und der Rückständigkeit einer alten Zeit anhaftet.

Während ich im Erg Chebbi vom Gipfel einer höheren Sand-Düne den Sonnenaufgang beobachte, kommen mir verschiedene Erlebnisse der Anreise in den Sinn. Nachts an der Loire entlangfahrend, der Mondschein taucht die Landschaft in ein eigenartiges Licht, der Mond selbst spiegelt sich im Wasser, Hannes Wader und ich singen Fahrtenlieder und der Motor schnurrt wie ein Uhrwerk, als plötzlich weitab von jedem Haus ein Auto mit Warnblinkanlage am Straßenrand steht. Gemeinsam machen wir uns ans Werk, um ein gebrochenes Verteilergehäuse zu fixieren, und tatsächlich läuft nach geraumer Zeit der Motor wieder. Oder als ich in einem kleinen marokkanischem Dorf beim Krämer anhalte, auf arabisch frage, was ich dort zu trinken kaufen kann, und sich sofort ein entspanntes Gespräch entwickelt, während die gesamte Dorfjugend sich um mich versammelt, um den seltsamen Fremden zu sehen. So selten scheinen selbst geringe Sprachkenntnisse bei den Fremden zu sein! Oder an die deutschen Motorradfahrer, in deren Augen Afrika gleichbedeutend mit Anarchie, Chaos und Korruption ist, die meinten, 20-Mark-Scheine in ihre Reisepässe legen zu müssen, damit sie die Grenze überqueren dürfen. Wer so offensichtlich mal eben einen ganzen Wochenlohn verschenkt, darf sich nicht wundern, wenn Europäer eben wie wandelnde Geldbeutel behandelt werden. Immer wieder nehme ich mir vor, statt missionierender Eurozentriker ("Zu Hause in Deutschland würde es das aber nicht geben!") aufmerksam lernender Beobachter zu sein. Und mir kommt Ibn Chaldun, Arabiens größter Geschichtsphilosoph in den Sinn, der über den Aufstieg und Untergang der Kulturen schrieb: "Ein tapferer Haudegen reißt mit rücksichtsloser Härte die Macht an sich, sein Sohn fügt dem Glanz des Siegers den Glanz einer prächtigen Herrschaft hinzu, aber schon sein Enkel ruht prassend auf dem ererbten Besitz, bis irgendwo ein tapferer Haudegen die Macht an sich reißt und der Kreis von neuem beginnt." An welcher Stelle das heutige Europa wohl steht?

In Merzouga erfahre ich, daß vor kurzem noch ein Franzose auf der vor mir liegenden Strecke umgekommen ist. Als sich sein Wagen im Sand festfuhr, hat ihn wohl die Panik ergriffen. Während der anschließenden Weiterfahrt sieht die Landschaft nun eigenartig drohend aus...

Taouz, die letzte Oase vor der Grenze nach Algerien ist eine militärische Endstation von beeindruckender Kargheit. Schon auf dem Weg dorthin hat sich wegen des aufgekommenen Staubnebels eine eigenartige Stimmung ausgebreitet. So etwa stellt man sich die Oberfläche eines fernen und lebensfeindlichen Planeten vor. Taouz selbst aber besteht aus ein paar Hütten rechts und links des Weges, davor eine Schranke und am anderen Ende eine hohe Mauer. Alles erinnnert an Wild-West-Kulissen. Der wachhabende Soldat weist mir einen Parkplatz rechts vor der Schranke zu und führt mich sodann in das Büro des Kommandanten. Nach der obligatorischen Paßkontrolle und den üblichen Fragen nach dem Woher und Wohin werde ich mit dem Hinweis entlassen, daß Photographieren hier natürlich verboten ist. Aber ein Blick über die Mauer ins Feindesland ist gestattet. Die Soldaten sind über jede Abwechslung froh, laden zum Tee ein, und warnen davor, jetzt loszufahren, weil ein Sandsturm aufkommen werde. Also warte ich die Zeit in ihrem mit Kassettenrekorder, Fernseher und europäischen Illustrierten- oder Katalogbildern ausgestatteten Quartier ab. Sie können gar nicht verstehen, daß ich freiwillig in die Wüste fahre und empfehlen mir den Besuch von Casablanca und Tanger. Beim Aufbrechen frage ich noch nach dem direkten Weg nach Mhamid an der algerischen Grenze entlang, verschiebe dieses Vorhaben dann aber doch, da ich zu lange auf ein begleitendes Fahrzeug warten müßte. Ich entschliesse mich also für eine direkt nach Rissani führende westlicher gelegenene Piste.

Lange Zeit geht es dann durch eindrucksvolle schwarze Berglandschaft. Mehrmals finde ich aber aufgegebene Bleibergwerke von der Größe eines Familienbetriebes. Und später entdecke ich die Ruinen eines Dorfes und nicht weit davon ein kleines und zwei größere ziemlich frische Gräber...

Als ich in Rissani ankomme, überwältigt mich zunächst der Trubel des Marktes. Zwischen den Mauern des Souqs hocken die Händler inmitten von Bergen aus Obst und Gemüse, unter den Arkaden befinden sich die Kunsthandwerks-Läden, weiter hinten die Bäcker und Fleischer. Der Handel dürfte sich hier noch genauso abspielen wie vor hunderten von Jahren. Leider ist aber die Bevölkerung von den Touristen schon ziemlich verdorben, sodaß ich rasch wieder hinaus in die Wüste fahre.

Es geht weiter über eine flache, schwarzbraune Kiesebene. Am Ende eines Dorfes hockt eine Menschenmenge am Straßenrand. Offensichtlich ist heute der Wochentag, an dem der Bedford-LKW diese Strecke fährt. Ich werde gefragt, ob ich sie alle mit nehmen kann. Da ich maximal zwei Leute im Auto haben will, wählen sie den Ältesten mit seinem Enkel aus. Anschließend stellt sich im Gewirr der vielen Abzweigungen, von denen ich nicht weiß, ob die Pisten wieder zusammenführen, heraus, wie gut es ist, jemanden nach dem Weg fragen zu können.

In der Ferne dehnen sich wieder tafelbergartige Felsplateaus. Das sind die Reste der abgetragenen alten Flächen, die jetzt Tafelberge und abgeplattete Kegel bilden. Sie werden auch Zeugenberge oder Gara, Garet (arab., Pl. Gour, Gur) genannt, weil sie das Vorhandensein und die frühere Ausdehnung der Wüstentafel bezeugen, deren durch Verwitterung und Abspülung isolierte Reste sie darstellen. Oft führen Umleitungen durch das jetzt trockene Flußbett. Die Piste trifft nun auf eine weite, schwarze Ebene mit vereinzelten Tafelbergen. Schließlich legen wir an der Paßhöhe Tizi-n-Tafilalet eine Rast ein.

Wir erreichen das Draa-Tal, wo ich die dankbaren Mitfahrer wohlbehalten abliefere. Hier säumen tausende Dattelpalmen die Ufer, durchsetzt von kleinen Gärten, durch die das Wasser geleitet wird. Unmittelbar neben dem Grün immer noch die Felsen und Schuttflächen, kahl, rotbraun, verwittert. Diese Oasen sind hier kein Ergebnis moderner Bewässerungstechnik, sondern seit altersher Besiedlungsgebiet. Die sich nach Süden hinziehenden Täler waren nicht nur Lebensraum der Bauern, sondern auch Wege für die Handelskarawanen durch die Wüste nach Schwarzafrika. Immernoch steht in Zagora ein Schild "Timbuktu 52 Tage", obwohl Timbuktu schon lange nicht mehr die sagenumwobene Stadt mit den goldenen Dächern ist und heute auch keine Karawanen mehr von dort Gold und Sklaven an den Hof des Sultans bringen.

Der Camping-Platz in der Nähe von Zagora, den ich beim vorletzten Mal besucht habe, besitzt als besondere Attraktion eine zum Schwimmbad hergerichtete Zisterne. Leider ist er zur Zeit geschlossen.

Über den 747 Meter hohen Tizi Beni Selmane und entlang mächtiger Sand-Dünen, der östlichen Ausläufer des Erg el-Mhazil erreiche ich Mhamid. Zur Dünenbefestigung steckt man reihenweise Palmwedel in den Sand, so daß rautenförmige Hecken entstehen. Sand liegt in der Luft, knirscht zwischen den Zähnen, dringt in alle Ritzen. Mhamid liegt direkt an der algerischen Grenze. Überall ist hier noch die Erinnerung wach an eine Besetzung des Ortes durch algerische Soldaten. Entsprechend kurz halte ich mich in der angespannten Atmosphäre des Ortes auf.

Zwischen Zagora und Mhamid übernachte ich in einer traumhaften Dünenlandschaft am Rand einer Oase in der Nähe eines Hotels. Als ich die Wasserkanister auffülle, gibt der Hotel-Manager mir zu verstehen, daß dieses Wasser kein Trinkwasser ist, aber weiter in der Oase, da gäbe es, und da fällt ihm das französische Wort für Brunnen nicht ein, mir auch nicht und so sage ich arabisch "Hunnak al Bir ?". Das überrascht ihn sehr und es ergibt sich ein interessantes Gespräch. Er will einfach nicht glauben, daß ich Tourist bin, sondern ist davon überzeugt, daß ich in der Gegend arbeite. (Vielleicht wird dieser Eindruck auch unterstützt durch den optischen Eindruck meines alten Autos... ).

Bei Tamkasselt verlasse ich das grüne Draa-Tal in Richtung Imi n Kern und Nekob. Rasch gewinne ich im Saghro-Gebirge an Höhe. Die Piste ist sehr steinig, ich fahre Schrittempo. Die Landschaft wird karger, aber auch phantastischer, Gebirge mit Pässen von 2200 Metern Höhe. Die schroffe, bizarre Hochgebirgslandschaft ist beeindruckend, immer wieder bieten sich einzigartige Ausblicke auf die umliegende Landschaft. Tafelberge, Pyramiden, einzelne Felsblöcke und andere phantastische Erosionsformen begleiten auf dem Weg von Nekob zum Tizi-n-Tazazert. Hier existiert die Piste oft gar nicht mehr: ich muß die Spuren im Bachbett nutzen.

Nach der Überquerung des Djebel Saghro erreiche ich die gewaltige Kette des Hohen Atlas, Adrar n' Deren, der sich wie eine undurchdringliche Mauer quer durch den südlichen Teil des Landes zieht und die Zone mit atlantischem Klimaeinfluß von der Wüste trennt. Die nur wenige Meter breite Dades-Schlucht bieten einen eindrucksvollen Übergang von den Oasen des Südens zu den Gebirgstälern des Hohen Atlas. Einer Fata-Morgana gleich steigen hier die blauschimmernden schneebedeckten Berge aus den heißen, staubigen Tälern am Wüstenrand empor. Entlang der Flußtäler die berühmten Kasbahs, mächtige Trutzburgen mit hohen Lehmmauern. Die dicken Lehmmauern stellen eine an die örtlichen Verhältnisse optimale Anpassung dar: Lehm isoliert und speichert Wärme, so daß die tagsüber von der Sonne eingestrahlte Wärmeenergie nur mit starker zeitlicher Verzögerung durch das Mauerwerk dringt und erst während der kühlen Nachtstunden die Wärme ans Gebäudeinnere abgibt. Welch ein Kontrast zu der als europäisch und damit modern empfundenen Wellblech- und Beton-Bauweise! Der Verteidungsaufwand und die um die Sicherheit in Kauf genommene Enge innerhalb der Festungen machen den Konflikt der Seßhaften mit den Nomaden immer wieder deutlich. Heftiger als sonst irgendwo tobten hier die Kämpfe zwischen den Seßhaften und den Nomaden. Kunstvoll gearbeitete Zinnen krönen Dächer und Mauern vieler Kasbahs, geometrische Ornamente, denen auch magische Bedeutung zugeschrieben wurde, zieren die glatten Lehmwände. Auf die geometrischen Muster angesprochen, sagen die Berber: Wir haben keine Farben, dafür Formen. Der sichtbare Verfall vieler Kasbahs hat seine eigentliche Ursache in der Befriedung des Landes: Da keine Angriffe mehr zu befürchten sind, zieht man vom Berghang aus der Enge der Kasbahs direkt hinunter ins Tal in die eigenen Gärten.und Felder. Aber erst das Vorhandensein von Wasser macht die weit ausgedehnten Palmengärten und Ackerbau möglich. Nur wenig abseits des Wasserlaufs ist nur noch nomadische Viehzucht machbar. Das vermeintlich Rückständige stellt hier die optimale Nutzung von Ressourcen dar. Ungehemmter Fortschrittsglaube führt einige Regierungen allerdings immer noch dazu, die überlebensnotwendigen grenzüberschreitenden Wanderungen zu unterbinden und die Nomaden mit großem Aufwand seßhaft zu machen. Aber durch die karge Umwelt sind die romantisch sagenumwobenen Saharanomaden an ihre Tiere gebunden und genießen keinesweges die große Freiheit, von der mancher zivilisationsmüde Europäer träumt. Im Gegenteil, da die Tiere Milch, Fleisch, Wolle und Häute für die Zelte liefern, und erst damit den Nomaden ein nahezu autarkes Leben sichern, machen diese sich um ihres Überlebens willen zu Knechten ihrer Tiere. Da aber der Zeitpunkt aller anfallenden Arbeiten von außen bestimmt ist, kann der Nomade anders als der Seßhafte auch keine Arbeiten im Voraus verrichten, sondern die arbeitsfreien Momente ruhig und entspannt genießen.

Mit dem Verfall der alten Bausubstanz geht auch das Wissen über die alten Handwerkstechniken verloren, die hier seit Jahrhunderten zum Einsatz kamen. Die Arbeiter sind traditionell als Familie oder lokale Verbände organisiert. Bisher wurde ihr Handwerk quasistationär von einer Generation auf die nächste weiter gegeben. Jetzt läßt die moderne Betonbauweise in den Neustädten diese Tradition abbrechen. Das Wissen um die alten Techniken wird weniger gebraucht und droht auszusterben. Mit Lehm, Stein und Holz kommen in der traditionellen Architektur nur Baustoffe vor, die am Ort zur Verfügung stehen. Schon in vorislamischer Zeit hat es im Jemen, das ja das sagenhafte Ursprungsland der Berber ist, früheste Hochhäuser der Menschheit aus Lehm gegeben. Seit damals hat sich der Umgang mit den nur wenigen Naturbaustoffen zu einer Kunst entwickelt, die jetzt schon wieder teilweise von der Geschichte begraben ist, da nur noch wenige Handwerker mit dieser Bauweise vertraut sind. Die Handwerker vor Ort haben oft nur dank vom Ausland finanzierter Restaurationsprojekte die Gelegenheit, altes Wissen über dem Umgang mit Lehm und Holz wieder anzuwenden und weiter zu geben, obwohl sich die Neustädte ganz der modernen Bauweise mit Beton und Zement verschrieben haben. Außerdem sind hier die Restaurationsprojekte auch ein Versuch, denkmalpflegerische Aspekte mit ökologischen Aspekten zu verbinden. Bei den immer notwendigen Instandsetzungen und Pflege der oft Jahrhunderte alten Gebäude entstanden schon vor Generationen bestimmte Arten des "Recyclings", die jetzt wieder aufgegriffen werden. So wurden nach der ursprünglichen alten Tradition beispielsweise Mauern nicht mit Zement und Mörtel aufgerichtet, sondern mit wiederaufbereitetem Lehm, der aus den alten Mauern gewonnen wird.

Die Piste folgt nun dem grünen Band des Assif Melloul, eingerahmt von nackten grauen Felswänden. Vor kurzer Zeit sind das Nachbartal bei einem Unwetter völlig überschwemmt und dabei ganze Dörfer zerstört worden. Das erfahre ich allerdings erst später.

Ich will das berühmte Moussem von Imilchil besuchen. Ein Moussem ist eigentlich ein alljährliches Fest zum Andenken eines Marabout (arab.) oder Agourram (berb., Pl.: Igouramen), eines Heiligen, hier Sidi Mohammed el-Merheni, meist an seinem kuppelförmigen Grab abgehalten. Mögen die Berber auch den islamischen Glauben angenommen haben, so ist doch viel älteres Gedankengut in ihre Religion eingeflossen, und so gilt die Verehrung der Bevölkerung zum Erschrecken vieler strenggläubiger Moslems zuweilen mehr den Heiligen als Allah selbst. Daß es nicht nur darum geht, etwas von der baraka, der segenbringenden Kraft zu erlangen, sondern daß bei der Beschwerlichkeit der langen Anreise auch weltliche Dinge wie Handel, Treffen alter Bekannter und Austausch von Neuigkeiten nicht zu kurz kommen, ist verständlich. Berühmt ist der Markt von Imilchil allerdings für die dort geschlossenen Hochzeiten: Wer sich mit dem Segen des Marabout trauen läßt, darf auf eine besonders glückliche Ehe hoffen. Zumindest als es dort noch keine Autos gab, war dies ja auch eine der ganz seltenen Gelegenheiten, den zukünftigen Ehepartner kennenzulernen.

Weiter windet sich die Piste gemeinsam mit dem Fluß durch das schluchtartiges Tal. Auf den holprigen, staubigen Pfaden bewegen sich Menschen in allen nur erdenklichen Fortbewegungsarten auf Imilchil zu. Für die Berber sind immer noch Maultiere das gängige Hauptverkehrsmittel. Nur der Polizeipräfekt für das gesamte Tal hat einen Geländewagen. Daneben verfügen einige Händler über schier undefinierbare fahrbare Untersätze, mit denen sie ihre Waren zum Moussem transportieren. Als öffentliche Verkehrsmittel dienen hier die roten Bedford-Allrad-Geländewagen, auf deren Ladefläche Mensch und Tier dichtgedrängt und gestapelt durchgerüttelt werden. Imilchil ist schon seit je her Kreuzungspunkt der Karawanen der Nomaden aus der Sahara mit den Seßhaften oder Transhumanten aus dem Norden. Aber die Bilder dürften sich seit dem kaum geändert haben. Nach den Römern, die ihnen den Namen gaben (barbari = lautmalerisch für des Römischen nicht mächtig, sie selbst nennen sich Imazighen = die Freien ) kamen die Araber. Die Gebirge sind infolge ihrer Unzugänglichkeit Siedlungsgebiet der berberischen Bevölkerung seit deren Flucht vor den arabischen Invasoren im 7. Jh. Auch noch heute müssen sich die Berber gegen die arabische Vorherrschaft und die Arabisierung behaupten.

Die Berber halten an ihren sozialen und kulturellen Traditionen fest. Großfamilie und Stamm bilden eine politische Einheit, in der die Djemaa, die Versammlung, eine wichtige Rolle spielt. Vor allem auch im täglichen Leben, denn hier wird über Weidegründe für das Vieh, Bewässerung und Bebauung der Felder bestimmt. Die Stellung der Frau in der berberischen Gesellschaft unterscheidet sich sehr von der im Islam an sich. Berberfrauen sind nicht verschleiert, Polygamie gibt es praktisch nicht. Eine wichtige Rolle im Leben der Berber nimmt der Markt ein, wo sich die verschiedenen Familien und Clans periodisch treffen.

Während der ganzen Zeit in Imilchil treffe ich nur eine Handvoll Touristen. In der großen Menge von Einheimischen fallen wir so gar nicht auf und können uns ganz ungezwungen bewegen und sogar photographieren. Zwischendurch sitze ich im Zelt eines Händlers, den ich von früher kenne, trinke Tee und beobachte von hier aus die draußen vorübergehenden. Einige bleiben stehen und begutachten die Dolche, Armreife und Bernsteinketten, ohne mir Ausländer besondere Beachtung zukommen zu lassen. Überrascht stelle ich fest, daß das Warenangebot das gleiche ist wie in seinem Laden zuhause, wo er doch an Touristen verkauft. Und tatsächlich erlebe ich, daß die Einheimischen die selben Dinge kaufen wie die Touristen. Der massive Silberschmuck der Frauen ist eine Versicherung für Notzeiten. Das ein oder andere Stück wird dann verkauft, in guten Zeiten wird hinzugekauft.

Bemerkenswerterweise werden nicht nur die traditionellen Waren angeboten, sondern ich finde auch einen Stand mit Solarzellen. Wegen der hohen Anschaffungskosten wird er aber mehr ein Informationsstand als Verkaufsstand sein, vermute ich.

Holz ist hier ein überaus wertvoller Rohstoff. Das Umland verfügt oft nur noch über minimalen Baumbestand. Einen ganzen Baum zu fällen, konnte sich früher kein Holzhändler leisten. Er bot immer nur einzelne Äste zum Verkauf an. Der Rest des Baumes konnte sich so weiterentwickeln. Jeder Baum war eine Kostbarkeit.

Attraktion ist der einzige Fernseher des Dorfes: Dank Satellitenschüssel informiert MTV in Djellabahs gekleidete Männer über westliche Kultur.

Früh morgens sitze ich oben auf einem der umliegenden Berge und betrachte im Morgenlicht die wahrhaft biblischen Szenen im Tal. Von etlichen kleinen Feuerstellen steigt Rauch auf. Vor jedem Zelt hocken in Djellabahs gehüllte, bärtige alte Männer und kochen den allgegenwärtigen grünen Tee. Gerne würde ich mich zu ihnen setzen und mehr über ihre Sicht der Welt erfahren, aber dazu spreche ich ihre Berber-Sprache zu wenig.

Für den Winter kann kein Grünfutter für die Tiere gesammelt werden. Im Herbst werden daher viele Tiere verkauft. Dazu biete ein Markt wie dieser in Imilchil natürlich die beste Gelegenheit.

Nach Auflösung des Marktes steht ein Besuch der Bergseen Lac Tislit (die Verlobte) und Lac Isli (der Verlobte) in der Nähe von Imilchil auf dem Programm. Vor langer Zeit sind sie durch die Tränen eines Liebespaares entstanden, das wegen der Feindschaft der Fraktionen Ait Yazza und Ait Brahim nicht heiraten konnte. Bei den Temperaturen in knapp 2300 m Höhe fällt das Bad entsprechend kurz aus.

Auf dem Weg nach Marrakesch fahre ich noch zu den über 100 Meter hohen Ouzoud-Wasserfällen, die hier in der unmittelbaren Nähe zur Wüste zu den besonderen landschaftlichen Reizen des Atlas-Gebirges zählen, und zu Imi N'Ifri, wo der Fluss einen riesigen Durchbruch kathedralengleich in den Fels erodiert hat.

Die Straße führt durch Kornfelder und Orangen- und Ölbaumhaine, bis die wuchtigen Stadtmauern von Marakesch in Sicht kommen. Tagelang durchstreife ich die Souqs und die Medina und kann mich gar nicht sattsehen. Hier wurden nicht nur die Güter des fruchtbaren Nordens und der Oasenregionen der Wüste gehandelt, hier begegneten sich auch die Menschen unterschiedlicher Kulturen. Schon immer ließen sich die Reisende aus der Sahara hier durch Geschichtenerzähler, Akrobaten, Schlangenbeschwörer unterhalten und für die Reisestrapazen entschädigen. Für den aus der Wüste ankommenden mußten die in den vielen kleinen Garküchen angebotenen kulinarischen Genüsse des Orients noch traumhafter erscheinen. An den abendlichen Feuern in der Wüste werden die Männer dann von den Wundern der Märchenstadt geschwärmt haben. Das Labyrinth der kleinen und kleinsten Gassen ist für den Fremden kaum zu enträtseln. Im Halbdunkel immer wieder Bilder wie im Mittelalter, hämmernde Kupferschmiede im Schein flackernder Petroleumlampen, ein plötzlicher Blick in einen Lagerhof, in dem sich nasse Hautballen stapeln, Bettler recken ihre Hand der vorbeiflutenden Menge entgegen, verschleierte Frauen huschen durch das Halbdunkel der überdachten Souqs.

Ich schlendere durch die Souqs, beschaue die Waren und die Handwerker bei ihrer Arbeit und atme den Duft der Gewürze vom Souq el-Attarin, den scharfen Geruch der Gerbereien und des verbrannten Öls von Kebab und Würstchen. Dazwischen wird man aufgeschreckt durch ein lautes balek, dem Ruf, mit dem die Eseltreiber sich eine Gasse durch die Menschenmengen bahnen. In der Medina sind Esel das einzig sinnvolle Transportmittel. Im Gewürzmarkt duftet es wie in Tausendundeiner Nacht. In schroffem Gegensatz zu unseren europäischen Lebensmittelgeschäften, wo alles in Büchsen oder Plastikfolie verpackt ist, kann man hier zuerst einmal riechen. Hat man sich für ein Gewürz entschlossen, wird es mit einem Schäufelchen auf eine Waage getan und dann in ein Papier verpackt. Das ganze ist ein Ritual, und der Gewürzhändler merkt sofort, ob er Kenner vor sich hat oder europäische Barbaren.

Unter den Almohaden entwickelte Marrakesch sich zu einem geistigen Zentrum, das Gelehrte aus aller Welt anzog. Berühmte Geographen, Dichter, Philosophen, Ärzte fanden hier hervorragende Arbeitsbedingungen und verliehen der Stadt einen bis weit über Marokko ausstrahlenden Glanz. Im Gefolge der geistigen Öffnung und nicht zuletzt natürlich aufgrund der militärischen Erfolge erlebten auch Handel und Handwerk eine bis dahin nicht gekannte Blütezeit. Möbel, Handschriften und Schmuck nahmen aus den Werkstätten Marakkeschs ihren Weg in die Welt. Die berühmten Koranschulen entstanden im 11. Jahrhundert. Im Obergeschoß befinden sich die kahlen Wohnzellen der Studenten. Aber an den Wänden der Innenhöfe haben die Künstler jedoch ihr ganzes Können entfaltet. Stalagtitenbögen, Rauten, Kacheln und verschlungene Intarsien der Koransprüche zieren die Fassaden und künden von der Größe Allahs. Eine verzaubernde, klosterhafte Stille liegt über diesen Innenhöfen, die, vom leisen Plätschern des Brunnens noch vertieft, den Trubel des Souq in unendliche Ferne rücken läßt, obwohl er nur ein paar Meter entfernt an die Außenmauern brandet.

Es ist eine alte arabisch-islamische Tradition, daß das in Moscheen für die rituellen Waschungen verwendete Brunnenwasser anschließend in einen Garten geleitet wird, wo es fruchtbares Ackerland bewässert. Eine religiöse Stiftung legt fest, wer das Land bestellen und ernten darf, und unterstützt so die armen Familien der Stadt.

Für den aus der Wüste kommenden Moslem sind Brunnen so etwas wie heilige Stätten. Mehr als in unseren Breiten haben die Menschen dort täglich die lebensspendende Kraft des Wassers vor Augen, und so gehört es zu den besonders gottgefälligen Taten, einen Brunnen zu stiften und so dem Paradies einen Schritt näher zu kommen.

Auf dem Djemaa el-Fna, wo früher die Köpfe der Hingerichteten zur Schau gestellt wurden, erfaßt noch heute der Geist des Orients aus tausendundeiner Nacht den Besucher. Wahrsager, Schlangenbeschwörer, Zauberer und Wunderheiler, Tänzer und Artisten ziehen Einheimische und Touristen in ihren Bann. Auf den Dächern über dem Djemaa el-Fna lasse ich mich auf einer Cafe-Terrasse nieder, entspanne mich bei einem Gläßchen Tee, während ich unten das Treiben beobachte, um neue Energie zu schöpfen. Die Kulisse des Hohen Atlas im Hintergrund, davor die über das Häusergewirr ragenden Minarette, zu Füßen das Hin und Her der Menschen auf dem überfüllten Platz.

Am Abend treffe ich auf dem Campingplatz eine Gruppe Holländer, die mit ihren Landrovern, Batterien von Kanister, Sandblechen und Schaufeln zunächst einen völlig überausgerüsteten Eindruck machen. Ich erfahre dann aber, daß sie bis nach Kapstadt wollen, und so vergehen einige gemeinsame Abende mit Reiseerzählungen und Reisespinnereien.


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    Autor: Michael Knappmann (alias michaelk118)       Copyright © 1995 Michael Knappmann, All rights reserved.
    Letzte Modifikation: 04.09.2006       Erstmals erstellt: 29.09.1995